Das Milgram Experiment – Erkenntnisse für die Zukunft (Teil 1)

Der Mensch als soziales Wesen will interagieren, hinterfragen, verstehen und gemocht werden. Der Mensch ist jedoch auch ein Wesen, dem es mitunter schwerfällt, eine eigene Meinung auch öffentlich zu vertreten. Anhand der in den in den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts durchgeführten Milgram-Experimente, welche vor dem Hintergrund der Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg und der Suche nach Erklärungen für die Verhaltensweisen der Deutschen unter der nationalsozialistischen Herrschaft stattfanden, zeigt sich zudem, dass der Mensch auch ein Wesen ist, welches sich unter bestimmten Voraussetzungen Autoritäten unterwirft und Weisungen gehorsam befolgt.
Die zentrale Frage, welche Erkenntnisse sich aus den Milgram-Experimenten ergeben und wie diese Rückschlüsse auf unsere Gegenwart und zukünftige Zeiten folgern lassen, wird im weiteren Verlauf anhand einer Auseinandersetzung mit menschlichen Verhaltensweisen und den Prinzipien von Macht und Herrschaft erläutert. Berücksichtigt werden elementare Erkenntnisse aus der Sozialpsychologie mit einem Blick auf die Soziologie und aktuellen neurowissenschaftlichen Erkenntnissen.

Einführung in die Grundlagen des Milgram-Experiments

Milgram untersucht in welcher Ausprägung Menschen bereit sind, auf einen Befehl hin anderen Menschen Schmerzen zuzufügen. Zur Operationalisierung dieser Fragestellung wird in einem vorgeblichen Gedächtnisexperiment folgendes Szenario aufgebaut: Eine Versuchsperson (Lehrer) lässt einem im Vorfeld eingeweihten Mitspieler (Schüler) dreißig Wortpaare (Assoziationspaare) lernen und fragt diese ab. Der Schüler ist an einen mutmaßlichen „elektrischen Stuhl“ festgeschnallt. Bei jeder falschen Antwort erhält der Schüler nun einen Stromstoß, dessen Intensität sich bei jeder weiteren falschen Antwort in dreißig Schritten von 15 Volt auf maximal 450 Volt kumuliert. Dem eigentlichen Probanden, dem „Lehrer“ ist dabei nicht bekannt, dass der Schüler in die Versuchsreihe eingeweiht wurde und keine echten Stromstöße erteilt werden. Der Fakt, dass kein Schaden zugefügt werden kann, ist demnach unbekannt, ebenso, dass die eingeweihten „Schüler“ letztlich die Reaktionen auf die mutmaßlichen Stromstöße nur schauspielern. Um die Echtheit des Versuchsaufbaus zu beweisen, werden den Probanden vor Übernahme der Lehrerrolle jeweils probeweise Stromstöße in Höhe von 45 Volt versetzt. Die kolportierte These des Versuchsaufbaus sollte herausfinden, ob sich Bestrafung günstig auf Lernverhalten auswirkt (Milgram, 1982).

Methodik

Dem eigentlichen Probanden, dem Lehrer, wird suggeriert, dass der im Vorfeld eingeweihte „Schüler“ der Proband sei. In einer Basisanordnung sitzen Schüler und Lehrer in getrennten Räumen. Ein Sichtkontakt wird verhindert, es sind jedoch akustische Rückmeldungen über die Befindlichkeit der Schüler erlaubt. Bei der Falschbeantwortung von im Vorfeld durch die „Schüler“ erlernten Wortpaaren soll der Proband Stromstöße versetzen und wird seitens der Aufsichtspersonen ermuntert, die Intensität weiter zu erhöhen, insbesondere, wenn sich die Probanden bei der „Bestrafung“ unwohl fühlen. Angenommen wird, dass die Probanden sich ab dem Moment ungehorsam verhalten, an dem sie sich weigern, weitere Stromstöße zu versetzen. Ebenso soll die Stärke des zuletzt ausgelösten Stromschlags das Maß des Gehorsams beschreiben. Das Experiment endet im Moment der Verweigerung. Um einen vorherigen Austausch der Studenten über den Versuchsaufbau zu verhindern, wurden mit Hilfe einer Zeitungsanzeige in der Stadt New Haven freiwillige Teilnehmer gesucht. Eine größtmögliche Varietät des Versuchs sollte damit gewährleistet werden. In Variationen des Experimentes wurde gezeigt, dass die Probanden sich eher gegen den Befehl weiterer Stromstöße verweigern, so sich die Befehlenden nicht im selben Raum befanden oder wenn das Opfer in Sichtweite war. In Annahme nach einem Handeln nach der Konformitätstheorie (Asch, 1956) betrachteten sich die Ausführenden nicht mehr als Individuum, sondern als Werkzeug des Befehlsgebers.

Soziale Identität

Die Theorie der sozialen Identität stellt eine Theorie der Intergruppenbeziehung dar, welche aus untereinander gekoppelten Konzepten psychologischer Prozesse besteht. Als zentrales Konzept gelten Kategorisierungsprozesse, welche versuchen, die soziale Umwelt überschaubarer und handhabbarer zu gestalten. Unter bestimmten Aspekten werden als zusammengehörig identifizierte Personen zu Gruppen zusammengefasst. Wenn die Person selbst Mitglied der Gruppe ist, spricht man von sozialer Identität (vgl.:„Soziale Identität“, 2020).

Gehorsam

Als Gehorsam beschreibt man die Übernahme eines Willensziels einer anderen Person. Hierbei kann Gehorsamkeit je nach Kontext gleichermaßen negativ wie auch positiv besetzt sein. Eine präzise Definition von Gehorsam bietet Max Weber: „Gehorsam soll bedeuten: dass das Handeln des Gehorchenden im Wesentlichen so abläuft, als ob er den Inhalt des Befehls um dessen selbst willen zur Maxime seines Verhaltens gemacht habe, und zwar lediglich um des formalen Gehorsamsverhältnisses halber, ohne Rücksicht auf eigene Ansicht über Wert oder Unwert des Befehls als solchen“ (vgl. Max Weber, 2005, S.123).

Autorität

Als Autorität wird die Fähigkeit bezeichnet, Einfluss auf das Verhalten einer anderen Person auszuüben. Der eigene Wille wird gegenüber dem der Anderen durchgesetzt. Nach Fromm können wir irrationale Autorität (Ausübung von Druck) und rationale Autorität unterscheiden. Rationale Autorität kann wiederum in drei Typen unterschieden werden: • Personelle Autorität (Wissen, Erfahrung, Leistung) • Funktionale Autorität (Fachkompetenz, spezifisches Wissen) • Positionale Autorität (kraft Amtes oder Rang) (vgl. Fromm, 2020).

Konformität und Gruppendynamik

Es werden intendierte und inzidentelle Konformität unterschieden. Intendierte Konformität beschreibt die tendenzielle Übernahme der Normen einer Bezugsgruppe, während inzidentelle Konformität die Übernahme eines Verhaltens aufgrund äußerer Einwirkung beschreibt (vgl. Bierhoff, o. J.).
Als Gruppendynamik beschreibt man Muster, in welchen die Vorgänge und Abläufe innerhalb einer Gruppe von Personen stattfinden. Der Begriff wurde von Kurt Lewin geprägt („Gruppendynamik“, 2020; Joseph Luft, 1973; Schwarz, 2015).

Erkenntnisse und Rückschlüsse

Sowohl die ursprünglichen Versuchsanordnungen wie auch die aktuelleren auf dem Milgram-Paradigma aufbauenden Studien zeigen eine ausnahmslose Neigung aller Probanden zu einem konformen Verhalten, welches in eine Umsetzung von Anordnungen unabhängig der steuernden Instanz resultiert. Hierbei beschäftigen sich spätere Versuchsanordnungen weiterer Forscher auch mit der Beweisführung unter weiteren Faktoren und Variationen. Diese legen unter Anderem dar, dass eine Autorität nicht zwingend notwendig ist, sondern dass sich die Ausführung der Anordnungen auf gemeinsame soziale Codes und ein konformes Gruppenverhalten zurückführen lassen. Moralische Hemmungen einem destruktiven Verhalten Dritten gegenüber scheinen dabei nicht sonderlich ausgeprägt zu sein (Blasi, 1984, S.302). Während wir die Ursachen des Verhaltens der Probanden nun etwas einkreisen können und sowohl die Anwesenheit von Autoritätspersonen als auch gruppendynamisches Verhalten als Faktoren für Gehorsam erkennen, zeigt eine weitere Versuchsanordnung im ursprünglichen Experiment zudem den Einfluss der Entlastung von Verantwortung für das eigene Handeln. Hier wurde ein Proband von der Aufgabe entbunden, eigenständig Stromschläge zu setzen. Seine Aufgabe war jedoch die Durchführung von „Hilfstätigkeiten , die zwar zum Gesamterfolg des Experiments beitragen, ihm aber die Betätigung der Schalthebel am Schockgenerator ersparen“ (Milgram, 1982, S.144).
In weiteren Versuchsanordnungen, in denen dem Probanden die eigenständige Durchführung der Bestrafung übertragen wird und als Störfaktoren ein Mit-Proband unter Protest den Versuch abbricht, zeigt sich wiederum die Gruppenkonformität als Unterstützer eines autoritätsgehorsamen Verhaltens bestätigt. Wenn die Gruppe der bereitwillig Durchführenden zahlenmäßig höher ist als die der Verweigerer, überwiegt die Gruppendynamik. Im Umkehrschluss müsste das Experiment entgegengesetzt verlaufen, wenn die Anzahl der Verweigerer höher wäre (vgl. Fazit und Schwarz, 2015). Eine Schlussfolgerung, die auch in einer Versuchsanordnung von Powers & Geen bestätigt wird, hier aber mit Probanden, welche einen unterschiedlichen Grad an Nervosität und Unsicherheit vorweisen, durchgeführt wird. Letztlich ließen sich kaum noch Steigerungsraten wahrnehmen, da die Gruppe bereits ein Maximum an Gehorsam besaß: „Das Niveau an Gehorsam, das gezeigt wurde, war so hoch, dass die Probanden in der Bedingung ‚gehorsames Modell‘ unter der gegebenen Versuchsanordnung einfach keine Möglichkeit hatten, noch höheren Gehorsam zu zeigen“(Lüttke, 2004, S.448; Powers & Geen, 1972, S.179).
Also können wir den Hang zu einem konformen Verhalten dem Einfluss der Gruppe zuordnen. Als Zwischenfazit lässt sich erwähnen, dass der Mensch beeinflussbar ist und dies auch unabhängig der Richtungsvorgabe der Peer. Ebenso erkennen wir anhand der Verantwortungsübertragung an den Versuchsleiter und dem in der Folge einsetzenden Abbau eigener innerer Spannungen, welcher in unreflektierten und bereitwillig erfolgten Stromstößen mündet, eine mutmaßlich egozentrische Handlungsweise. Diese Ausprägung wurde in Versuchen der Niederländer Meeus & Raaijmakers, die ebenso einen „administrativen“ Gehorsam nachweisen konnten. Besonders der gegenteilige Effekt eines deutlich absinkenden Levels der Gehorsamsrate von 91,7% auf 30%, sobald die Probanden die Verantwortung nicht mehr abtreten konnten, ist hier erwähnenswert (Meeus & Raaijmakers, 1986). Zusammenfassend lässt sich schlussfolgern:
  • Alle Probanden neigen zu konformen Verhalten
  • Es wird sich nicht gegen eine Autorität aufgelehnt
  • Eine Konformität in der Gruppe erleichtert einen Anschluss an die Gruppenmeinung
  • Sowohl soziale als auch physische Distanz erleichtern die Ausübung von Strafmaßnahmen
  • Innerlich bedeutet dies eine Entlastungsfunktion
  • Ein Effekt, der auch bei Abtretung der Verantwortung eintritt
  • Autonomes Verhalten ist anstrengender als konformes
  • Je direkter ein Kontakt, desto geringer die Bereitschaft zu quälen.
  • Das eigene Wohlergehen wiegt über dem Wohlergehen Dritter

Die einflussgebenden Faktoren:

  • Emotionale Distanz zum Opfer
  • Legitimität und Nähe der Autoritätsperson
  • Institutionelle Autorität (im Originalexperiment gilt der gute Leumund der Yale Universität als ausreichender Nachweis eines seriösen Experimentes).

Fortsetzung folgt

Andreas Achtziger

Andreas Achtziger

Geschäftsführender Gesellschafter ayoka GmbH & Co. KG.
Loop Approach® Fellow
und Faciliator in der LEGO® SERIOUS PLAY® Methode

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